Detecon
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31.03.2020

Die Kehrseite

In einer Krise steckt auch immer eine Chance (für mutige Entscheider) …

von Kay Freiland

…der Spruch gehört zum Standardrepertoire jedes Managers und eigentlich gehört diese Erkenntnis fast schon in den Bereich der Plattitüde. Jedoch, dass darin auch viel Wahrheit steckt, zeigen sehr anschaulich Naturkatastrophen. Wie das geht, haben die Portugiesen nach dem fatalen Erdbeben von 1755 gezeigt. Die Katastrophe begann um 9.30 Uhr: In drei Wellen zerstörte ein gigantisches Erdbeben die Hauptstadt. 40 Minuten später schwappte ein Tsunami an die Küste. In der zerstörten Stadt brachen Brände aus, die fünf Tage lang wüteten.

Das klingt erst einmal sehr nach Krise und kaum nach Chance.

Welche Folgen haben solche Unglücke für Wirtschaft und Gesellschaft? Zuerst einmal sind vor allem die negativen Folgen für die Wirtschaft nur ganz schwer abzuschätzen. Zur Abfederung der Coronakrise hat die Europäische Union und die deutsche Regierung etliche Ressourcen dafür.

Ist der erste Schock einer Krise jedoch verdaut, sind solche Ereignisse auch eine seltene Gelegenheit für grundsätzliche Reformen in Wirtschaft und Gesellschaft. Portugal wusste sie damals zu nutzen. Trotz der vielen Opfer und der erheblichen wirtschaftlichen Schäden hat Portugal ökonomisch langfristig von dem Erdbeben von 1755 profitiert. Der Wiederaufbau der Stadt ging schnell voran: Schon 1780 lebten mehr Menschen in der Stadt als 1755. Die Regierung betrieb aus der Not heraus in den Jahren nach dem Beben einen tiefgreifenden Umbau von Staat und Wirtschaft. Es wurde die Verwaltung modernisiert, die Bürokratie abgebaut und etablierte zentralstaatliche Strukturen. Ohne das Erdbeben hätte es all diese Reformen nicht gegeben.

Max Frisch hat das ebenfalls so gesehen und gesagt: „Eine Krise kann ein produktiver Zustand sein. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“

Wie die Regierung in Lissabon kann auch ein Unternehmen aus der Not heraus nach dem Beben einen tiefgreifenden Umbau des Unternehmens wagen. Denn Krisenzeiten sind die Zeiten für mutige Entscheider. Sie sind sich der Verantwortung und der daraus resultierenden Möglichkeiten bewusst und können Ideen hervorbringen, die bisher nicht möglich waren - aus Notsituationen entstehen meistens die besten Ideen.

Blenden wir für kurze Zeit die negativen Aspekte der Coronakrise aus, kommt etwas Bemerkenswertes zu Tage. Scheint die Welt während der Krise für die Menschen still zu stehen, gilt das nicht für die Natur. In der Lagunenstadt im Norden Italiens ist das sonst immer stark eingetrübte Wasser in den Kanälen jetzt kristallklar und sauber wie nie zuvor, es wurden erstmals wieder kleine Fischschwärme gesichtet. Das Wasser sieht klarer aus, weil in den Kanälen weniger Verkehr herrscht und die Sedimente dadurch am Boden bleiben. Für die Tierwelt sind das gute Nachrichten. So tummeln sich in den Städten Triest und Cagliari plötzlich Delfine in den Hafenbecken. Videos in den sozialen Netzwerken zeigen, wie die Tiere sich sogar bis an die Kaimauern wagen. Die Delfine, die sehr sensibel auf Unterwasserlärm reagieren, freuen sich über den ausbleibenden Schiffsverkehr.

Durch den Rückgang der Industrie- und Wirtschaftsleistung, der Alltagsmobilität sowie der Reisen während der Krise geht die Umweltverschmutzung zurück. Die Messwerte aus Norditalien spiegeln wider, was sich auch in China zeigte. Nach einer Analyse des Center for Research on Energy and Clean Air sanken die Kohlendioxid-Emissionen dort im Februar um 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Eine „Einsparung“ von etwa 200 Millionen Tonnen CO2, die dem Klima zugutekommt.

Auch bricht nicht wie von einigen erwartet die öffentliche Ordnung zusammen. Und lange verpönte Tugenden wie Verzicht und Mäßigung werden plötzlich wieder geschätzt. In der Corona-Pandemie erweist sich die Gesellschaft als solidarisch und kooperativ. Es wird sich um ältere Menschen gesorgt, den Infizierten werden Lebensmittel vor die Tür gestellt und das Personal in den Krankenhäusern wird unterstützt. So funktioniert eine intakte Gesellschaft. In Italien verabreden sich die Menschen zu spontanem Singen auf ihren Balkonen, um die Stimmung in der Isolation zu heben. In Rom applaudierten Menschen von ihren Balkonen aus für Rettungskräfte.

Corona als Chance? "Warum nicht? Ich denke, dass die Menschen durch solche Krisen auch zurückfinden zu der Grundfrage, was wirklich wichtig ist im Leben." Es gehe jetzt darum, "dass wir ein neues Wertesystem entwickeln", findet Eckert. (Marc O. Eckert, in dritter Generation Chef der Luxusküchen-Ikone Bulthaup). Der Psychologe Stephan Grünewald sagte, dass die Coronakrise zu einer Besinnungspause führen könnte, wenn wir uns zurückziehen ins Studierzimmer, kann das dazu führen, dass wir uns und die Welt noch mal neu erfinden.

Not macht erfinderisch, US-Autokonzerne wollen Medizingeräte bauen schreibt das Handelsblatt am 21.03. 2020. Sowohl General Motors als auch Ford wollen statt Autos Beatmungsgeräte für die Behandlung von Covid-19-Patienten herstellen. In China wurde teilweise die Produktion von Masken und medizinischer Schutzkleidung von anderen Herstellern wie Apple-Partner Foxconn oder dem Joint Venture von GM mit chinesischen Partnern übernommen.

Mehr Verkehr auf die Schiene, um den klimaschädlichen Lkw-Verkehr zu reduzieren, lautet ein hehres Ziel der deutschen Regierung. Bislang werden nur 17 Prozent der Waren in Deutschland auf der Schiene transportiert, 25 Prozent sollen es nach dem Willen der Regierung in zehn Jahren sein. Weil sich die Lkws durch die verschärften Grenzkontrollen an den inner- und außereuropäischen Grenzen stauen, bietet der Staatskonzern seine Güterzüge als Alternative zum grenzüberschreitenden Lkw-Transport an und könnte damit dem Ziel schneller näher kommen, als ursprünglich gedacht.

Auch ökonomische Möglichkeiten tuen sich für denjenigen auf, der den Blick dafür hat. Der Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen hatte die Vorlagen der chinesischen Regierung, dass Arbeiter Atemschutzmasken zu tragen haben, ansonsten droht ein Produktionsstopp, auf seine Weise umgesetzt. Weil die Masken rasch zur Mangelware geworden sind, haben die ZF-Leute die Chance ergriffen und im Süden Chinas eine kleine Fabrik gekauft. Auf einem Lkw kutschierten die ZFler die Anlagen der Fabrik ins Werk bei Schanghai und bauten sie wieder auf. Dort produzierten sie nach zwei Wochen 100 000 Masken am Tag. Was der Autozulieferer selbst nicht braucht, gibt er Bedürftigen oder stellt der Regierung zur Verfügung.

Der Chemieriese BASF wird Handdesinfektionsmittel für die Krankenhäuser in Rheinland-Pfalz kostenlos herstellen, um so den Engpass zu lindern. Es soll die unterstützen, auf die es jetzt ganz besonders ankommt: die Ärztinnen, Ärzte und das Pflegepersonal in den Kliniken", sagte BASF-Vorstandsmitglied Michael Heinz. BASF produziert in Ludwigshafen einige der Rohstoffe, die zur Herstellung von Desinfektionsmitteln verwendet werden können. Andere notwendige Rohstoffe werden extern zugekauft.

Für Stephan Stubner, Rektor der HHL Leipzig Graduate School of Management, zeigt die aktuelle Coronakrise, wie wichtig es für Führungskräfte ist, gekonnt mit radikalen Veränderungen umzugehen. "Wir treten in eine Umwelt, die noch viel volatiler, unsicherer, komplexer und mehrdeutiger ist als früher", sagt der Wirtschaftswissenschaftler. Dies gelte für eine Pandemie ebenso wie für die Umwälzungen durch die Digitalisierung.

Hillary Clinton hat dieses Prinzip so umschrieben: "Never waste a good crisis." ("Lasse nie die Reformmöglichkeiten ungenutzt, die eine Krise mit sich bringt.") Diesen Rat sollte jeder in den Tagen der Krise beherzigen.

 

Der Original-Beitrag erschien am 23.03.2020 bei Linkedin

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