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Da passiert viel Positives

Der Digitalstandort Deutschland und seine falsche Bescheidenheit

Stephan Dörner ist seit 2016 Chefredakteur von t3n.de, dem Online-Portal des größten und erfolgreichsten deutschen Magazins für die Digitalwirtschaft. Davor war der Wahlberliner seit 2007 Journalist und Tech-Reporter mit Stationen beim Handelsblatt, der deutschen Ausgabe des Wall Street Journals und der WELT. Schon immer hat er sich mit Begeisterung mit der Schnittmenge aus Technologie, Wirtschaft und Gesellschaft beschäftigt. Im Rahmen unserer Reihe ‚Deutschland, deine Digitalisierung‘ sprachen wir mit ihm über das t3n-Erfolgskonzept, die (gar nicht so schlechten) Qualitäten des Standorts Deutschland und darüber, warum wir keinesfalls ‚digital abgehängt‘ sind.

Stephan Dörner (t3n) _ g
Stephan Dörner, t3n

Stephan, wenn man sich über t3n informiert, dann stößt man fast nur auf Superlative: Eine ständig wachsende Online-Reichweite (über 4 Mio. Visits pro Monat und +41% in 2018!), regelmäßige Rekorde bei der Druck­auflage (+18% in 2018), mehr als 100 viel gehörte Podcast-Folgen. Und nebenbei räumt ihr auch noch renommierte Preise ab. In Zeiten des allgemeinen Mediensterbens eine beachtliche Bilanz. Was ist euer Erfolgs­geheimnis?

Wir haben natürlich ein Thema, das mehr und mehr an Bedeutung gewinnt. Denn wir haben die Digitalisierung von Anfang an nicht als rein technisches Thema verstanden, sondern immer schon die Brücke zu Wirtschaft und Gesellschaft geschlagen. Wir stehen für das Thema ‚digitale Wirtschaft‘ und wie Technologien die Wirtschaft verändern - und sind mit dieser Ausrichtung immer noch einzigartig. Es gibt auf der einen Seite die reinen IT- und Tech-Portale und auf der anderen Seite die großen Wirtschaftsmagazine, die jetzt immer mehr in Tech machen, da die Technologie inzwischen ja bekanntermaßen der wichtigste Treiber der Wirtschaft ist. Wir sind mit unserer Digitalisierungsbrille quasi mit dieser Entwicklung mitgewachsen und unsere Leser schätzen genau diese Mischung aus technischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Dimension. Und sie schätzen unser Angebot aus digitalen und analogen Formaten. Außerdem haben wir eine grundsätzlich zukunftsoptimistische Sicht auf die Digitalisierung und setzen uns damit von anderen Medien ab.

Ihr druckt 4 Mal pro Jahr ein 200 Seiten starkes Printmagazin für eine überwiegend digital affine Zielgruppe. Wie lange will der Markt noch Print?

Ich bin davon überzeugt, dass wir auch weiterhin drucken werden. Unsere Auflage steigt und wir haben grade mehrere Rekorde erzielt, was die verkaufte Auflage anbelangt. Es sieht also momentan so aus, als wäre dieses Format auch unter digital Aktiven weiterhin gefragt. Die Tageszeitungen zum Beispiel haben da ein ganz anderes Problem, denn niemand will die Nachrichten von gestern auf Papier lesen. Aber wenn es darum geht, einen Überblick zu bekommen über die Trends und Entwicklungen unserer Zeit, da schätzen unsere Leser doch immer noch das Papier. Wer den ganzen Tag online ist, am Smartphone oder am Rechner im Büro, der will sich auch einfach mal zurücklehnen und in Ruhe einen längeren Artikel lesen. Und dafür ist Print nach wie vor ein hervorragendes und beliebtes Medium.

Gilt das auch für eure jungen, überwiegend papierlos lebenden Zielgruppen?

Natürlich sind unsere Online-Leser im Schnitt jünger als die Print-Leser. Die stärkste Gruppe unter den Printlesern sind die 30- bis 40-Jährigen, online sind es die 20- bis 30-Jährigen. Aber die 30- bis 40-Jährigen werden uns sicherlich noch eine Weile erhalten bleiben. Und was die jungen Zielgruppen anbelangt: die nächste Retro-Welle kommt bestimmt. So wie heute wieder analog fotografiert wird, wird die Smartphone-only-Generation vielleicht morgen das analoge Lesen für sich entdecken. Generell können wir sagen, dass das Leseverhalten unserer Zielgruppen erfreulich stabil ist. Um zukunftsfähig zu bleiben investieren wir aber dennoch in neue Formate wie zum Beispiel im Audio-Bereich.

Wir wollen uns heute mit dir über den Digitalstandort Deutschland und seine Chancen im globalen Wettbewerb unterhalten. Ihr habt in diesem Jahr eine komplette Printausgabe dem Thema ‚Digitalisiert Euch!‘ gewidmet und die These formuliert, dass Deutschland entgegen aller verbreiteten Behauptungen keineswegs digital abgeschlagen ist. Sind aus deiner Sicht all die Klagen über den verpassten Anschluss unberechtigt?

Sie sind natürlich nicht pauschal unberechtigt. Es gibt Felder, in denen Deutschland tatsächlich hinterherhinkt. Häufig thematisiert sind da Breitbandausbau und Mobilfunk, in denen viele Länder deutlich weiter sind als wir. Aber es gibt auch ganz viele Bereiche, in denen Deutschland Stärken hat, von denen viele gar nichts wissen. Oder vielleicht gehört es auch einfach nicht zur deutschen Kultur, mit unseren Verdiensten und Qualitäten zu prahlen. Nehmen wir beispielsweise das große Hype-Thema der Künstlichen Intelligenz, wo Deutschland zum Beispiel mit dem DFKI innerhalb von Europa einen sehr guten Stand hat. Oder die exzellenten Studiengänge in den Ingenieurswissenschaften, der Mathematik usw. Die letzten Jahrzehnte waren geprägt von Consumer-Technologien, in denen e-Commerce Startups eine zentrale Rolle spielten und da waren die USA führend. Diese Low Hanging Fruits sind jetzt aber langsam abgeerntet. Der weitere Fortschritt liegt in Bereichen, die als Deeptech bezeichnet werden und in denen die Forschung sehr stark gefragt ist. Und hier ist Deutschland hervorragend aufgestellt.

Und welche Qualitäten sind es, die Deutschland Unternehmensgründern bietet?

Auch hier darf man Deutschland nicht unterschätzen. Wir verfügen über hochattraktive Standorte, die im europäischen Vergleich sehr gut mithalten können. Allen voran ist natürlich Berlin eine extrem lebenswerte Stadt. Die Mischung aus einem herausragenden kulturellen Angebot, gepaart mit immer noch relativ erschwinglichen Mieten im Vergleich zu London, Paris oder Madrid, das lockt Unternehmen aus aller Welt an. Zalando beispielswiese hat ja Tausende von Mitarbeitern aus aller Welt nach Berlin geholt. Auch Rocket Internet hat einige Startups von Berlin aus gestartet, von hier aus werden z.B. sämtliche Support-Anfragen zentral bearbeitet. Aber auch andere starke Wirtschaftsregionen wie zum Beispiel der süddeutsche Raum empfehlen sich immer mehr für Startups und Tech-Gründer. Die schätzen die Qualitäten, die man traditionell mit Deutschland verbindet, wie hohe Lebensqualität, wirtschaftliche Stabilität und soziale Sicherheit, aber auch den funktionierenden öffentlichen Nahverkehr und vieles mehr. In anderen internationalen Digitalstandorten ist das alles nicht so selbstverständlich wie bei uns.

Und wie ist es um den politisch-regulatorischen Rahmen bestellt, der immer wieder als zu starr und wenig erneuerungsfreudig beschrieben wird?

Wenn ich in Berlin mit Unternehmern spreche, dann sind die Forderungen an die Politik gar nicht so groß. Natürlich wünschen Startups sich immer mehr Kapital, mehr Engagement der öffentlichen Hand in Bezug auf Wagniskapital und so weiter. Wenn ich mal eine konkrete Forderung an die Politik höre, dann am ehesten: Weniger bürokratische Hürden bei Migration von Fachkräften. Und da spielen dann auch weniger politische als kulturelle Aspekte eine große Rolle. Beispielsweise weigern sich Behörden häufig, Englisch zu sprechen, oder sind gar nicht in der Lage dazu. Ich habe in meiner Heimat Berlin Freunde, die nur sehr rudimentär Deutsch sprechen und im Alltag damit keine Schwierigkeiten haben. Wenn sie aber in einer Behörde anrufen, dann wird oft einfach aufgelegt. Und dem kann man regulatorisch nicht so ohne weiteres beikommen.

Das bringt uns zu dem Thema Bildung. Und da sind nicht nur mangelnde sprachliche Fähigkeiten ein immer wieder beklagtes Thema. Wie stehst du zur schleppenden Digitalisierung an den deutschen Schulen?

Wir haben in Deutschland die Herausforderung, dass es noch immer das Kooperationsverbot gibt, also das im Grundgesetz vorgeschriebene Prinzip, nach dem der Bund Länder und Kommunen bei Bildungsaufgaben nur sehr eingeschränkt unterstützen darf. Die Digitalisierung der Schulen kommt momentan auch deswegen nicht voran, weil die Kommunen häufig mit zu knappen Mitteln ausgestattet sind. Der Bund dagegen hat unfassbar viel Geld, das er eigentlich gerne ausgeben würde, aber es eben nicht darf.

Was die Hochschulausbildung in Deutschland angeht, da wurden grade Informatikstudiengänge häufig dafür kritisiert, dass sie zu theoretisch sind. Insbesondere der Unterschied zwischen Universitäten und Fachhochschulen war da groß, was die Praxisnähe anbelangt. Und es war lange Zeit möglich, so habe ich gehört, ein Informatikstudium zu absolvieren, ohne je eine einige Zeile Code geschrieben zu haben. Stattdessen wurden komplexe und abstrakte mathematische Probleme gelöst, so als wäre die akademische Karriere das Berufsziel eines jeden Studenten. Mit der Annäherung der Hochschultypen und der Abschlüsse an internationale Standards hat sich dieses Problem glücklicherweise verkleinert.

Ansonsten gibt es viele Diskussionen darüber, ob Informatik als Pflichtfach an den Schulen eingeführt werden sollte. Ich halte davon ehrlich gesagt gar nicht so viel. Ein gewisser Umgang mit Technik sollte Teil der Lehrpläne sein. Das lässt sich aber auch in andere Fächer integrieren. Warum sollte man zum Beispiel nicht im Deutschunterricht darüber reden, wie man mit Fake News auf Facebook umgehen kann und sollte? Aber ich glaube nicht, dass alle Schüler wissen müssen, wie man programmiert. Das Angebot sollte da sein, möglichst früh mit diesen Themen in Berührung zu kommen, aber Informatik als Pflichtfach ist für mich verzichtbar. Viel wichtiger ist wie gesagt die Integration der digitalen Aspekte unseres Lebens in alle Unterrichtsfächer.

Welche Tipps würdest du deinen Kindern mitgeben für ihre Karriere in der digitalen Zukunft?

Ich würde ihnen sagen, dass die Arbeitswelt sich immer weiter wandeln wird und dass sie kein festes Berufsbild anstreben sollen. Es gibt keine Sicherheit mehr, so wie das in früheren Generationen der Fall war. Vielmehr würde ich sie dazu ermuntern, ihre menschlichen Eigenschaften zu pflegen, nämlich die, über die keine Maschine verfügt. Dazu gehören Empathie, aber auch interdisziplinäres Wissen. Es wird nicht darauf ankommen, lexikalisches Wissen anzuhäufen, das man binnen Sekunden nachschlagen kann. Vielmehr wird es darauf ankommen, dass man Grundlagen aus verschiedenen Bereichen verstanden hat. Grade mit den Fortschritten im Bereich KI wird eine Art Universalbildung immer hilfreicher sein. Denn wir Menschen werden auch weiterhin und immer schneller Entscheidungen treffen müssen. Da ist es von Vorteil, auf ein großes Repertoire an Wissen und Zusammenhängen zugreifen zu können, aber auch auf empathische Fähigkeiten, mich in die Bedürfnisse anderer Menschen hinein versetzen zu können. Denn gute Unternehmenslenker wissen, womit Menschen in ihrem Unternehmen sich beschäftigen und was sie beschäftigt.

Auch ihr bei t3n rekrutiert Menschen, die in der digitalen Welt zuhause sind. Welche Skills müssen diese mitbringen?

Das kommt natürlich immer auf die zu besetzende Stelle an – aber es gibt auch Anforderungen, die jeder erfüllen muss, egal an welcher Stelle er oder sie in unserem Unternehmen arbeitet. Dazu gehört, dass er oder sie ein Team-Player sein muss und offen und neugierig. Wir zeichnen uns dadurch aus, dass wir immer wieder Dinge in unseren Arbeitsabläufen in Frage stellen, immer wieder überlegen: Geht es auch besser? Und wir arbeiten miteinander und nicht gegeneinander, daher steht in jeder unserer Stellenausschreibungen die Anforderung, Team-Player zu sein.

Vom Magazin für die Digitalwirtschaft über das digitale Deutschland zum digitalen Stephan: Welches sind die ersten beiden Apps, die du morgens am Smartphone öffnest?

Ich muss gestehen, dass ich tatsächlich ein Smartphone-Junkie bin und mit diesem einschlafe und aufwache. Morgens öffne ich meistens zuerst Slack, eine App, über die wir als t3n-Team kommunizieren und zusammenarbeiten. Häufig gehe ich dann direkt zu Twitter über. Ich bin ein News-Junkie und interessiere mich immer dafür, worüber gerade geredet wird. Entgegen allgemeiner Trends zu Audioformaten oder visuellen Kanälen wie Instagram bevorzugt der Journalist in mir eben immer noch das geschriebene Wort.

Vielen Dank, lieber Stephan, für diese Einblicke und die positiven, Mut machenden Einschätzungen zum Standort Deutschland. Wir wünschen dir und t3n weiterhin viel Erfolg – in der digitalen ebenso wie in der analogen Zone.

 

Das Gespräch führten Ingrid Blessing und Tanja Milenkovic.

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