Detecon
DE

05.12.2019

"Wir müssen Innovation und eine vergrößerte Konzeptvielfalt zulassen"

Detecon-CEO Ralf Pichler im Interview
R

Ralf Pichler ist seit August 2019 CEO der Detecon. Wie er als Mensch tickt und wofür er beruflich richtig „brennt“ erzählte er uns im ersten Teil des Interviews. Im zweiten Teil geht es ans „Eingemachte“: Wir wollen von Ralf wissen, was uns technologisch in den kommenden Jahren erwartet, was wir mit dem Thema Nachhaltigkeit besser machen können und was die Zukunft der Beratung bringt.

Detecon-CEO Ralf Pichler

Ralf, was ist für dich der größte technologische Trend der kommenden Jahre?

Ich denke, Next Generation Connectivity ist sicherlich eines der Top-Themen mit Blick nach vorne. Alles, was wirtschaftlich sinnvoll vernetzt werden kann, wird auch vernetzt werden. Die neuen Technologien, und 5G ist nur eine davon, haben enormes disruptives Potenzial.

Stichwort 5G: Welche Rolle nimmt für dich diese Technologie ein?

Mit 5G kommt eine Enabling-Technologie, die es möglich macht, Digitalisierung in etlichen Branchen viel schneller zu implementieren. Daher sehe ich als zentrale Herausforderung für die Telekommunikationsbranche den Schulterschluss mit anderen Industrien zu forcieren. Hier geht es für Telcos darum, die Enterprise-Kunden zu erschließen und das durch 5G gebotenen B2B-Potenzial zu nutzen. Die bestimmende Frage aus ihrer Sicht muss lauten: Wie kann ich Unternehmen aus beispielsweise Manufacturing, Automotive oder dem Energiesektor helfen, die Technologie für ihre Anwendungsfälle einzusetzen? Dabei sind sicherlich auch Partnerschaften und Ökosystemlösungen in Betracht zu ziehen, denn 5G ist die erste Mobilfunktechnologie, die ihr Potenzial auch im B2B-Bereich entfacht. Während sich 1G bis 4G ganz klassisch auf Connecting People und Connecting People with Data konzentrierten, geht es jetzt speziell darum, in der Enterprise-Branche Dinge massiv miteinander zu verbinden – Stichworte sind IoT und Campusnetze.

Wo geht die Reise bei Internet of Things hin?

IoT fühlt sich an wie das Internet Mitte bis Ende der 90er Jahre: Wir wissen, es wird groß, aber keiner kann abschätzen, in welche Richtung es tatsächlich geht. Zum einen bringt uns 5G als zusätzliche Technologie einen geringeren Energieverbrauch. IoT-Sensoren, deren Batterien zehn Jahre am Stück halten, ermöglichen ganz andere Geschäftsmodelle als die, die wir heute kennen. Auf der anderen Seite sehe ich die Möglichkeiten für ein Mass of IoT-Management. In Zukunft haben wir auf einem Quadratkilometer etwa eine Million gemangte IoT-Devices im Gegensatz zu ein paar tausend heute. Das führt zu einem unglaublichen Innovationsschub. Wir werden Modelle sehen, von denen wir heute noch nicht einmal eine Vorstellung haben.

Und welche Rolle wird dabei künstliche Intelligenz spielen?

In Verbindung mit Analytics bringt Künstliche Intelligenz faszinierende Use Cases und neue Geschäftsmodelle hervor. Einen massiven Einsatz von KI erwarte ich etwa im Bereich des autonomen Fahrens. Ich persönlich kann mich sehr für Preemptive Analytics begeistern, denn es bringt uns vom reaktiven zum proaktiven Handeln. Ein Operator kann jetzt beispielsweise im Managed-Service-Bereich seine Teams schon losschicken, bevor die Fehlermeldung eingeht und somit Ausfälle vermeiden. In einem nächsten Schritt wird das komplett automatisiert ablaufen. Dies führt zu höherer Qualität und zu höherer Auftragssicherheit. Wer Künstliche Intelligenz versteht, ist sehr gefragt. Und hier sehe ich auch einen Engpass: Wir werden in Zukunft noch viel mehr Experten benötigen, um das Potenzial auszuschöpfen. 

Im Vergleich zu USA, China oder anderen europäischen Ländern haben Entrepreneurship und Innovationen in Deutschland noch einiges an Aufholpotenzial. Wie siehst du das?

Entscheidend ist doch: Wie und wo passiert Innovation im Unternehmen? Ich glaube nicht an top-down verordnete Big-Bang-Erfolge aus dem Innovationsbereich. Wir müssen Innovation und eine vergrößerte Konzeptvielfalt zulassen. Potenzial sehe ich deshalb in Ansätzen, die Unternehmen ermutigen, viele kleine Pflänzchen gedeihen zu lassen und gemäß try & fail fast zu sehen, welche der Ideen man forcieren und skalieren sollte und welche man schnell wieder fallen lassen sollte. Ich schätze auch Ansätze, die Mitarbeitern eine gewisse Zeit für eigene Projekte einräumen. Noch gibt es aber zu viele Brüche: Eine Idee wird zu einem Business Case, der an jemanden zur Implementierung übergeben wird. Das ist aber in der Regel nicht mehr derjenige, der für diese Idee brennt. Idealerweise machen die Menschen, die eine Idee haben, diese dann auch groß – mit der Unterstützung, die sie dafür benötigen. So verbinden sich Innovation und Entrepreneurship auch in Big Corporates at its best.

Kommen wir zum Thema Nachhaltigkeit. Kaum ein anderer Trend beherrscht aktuell die weltweiten Schlagzeilen. Wie können wir als Beratungshaus dabei helfen, den CO2-Abdruck zu verringern?

Ich sehe Nachhaltigkeit weniger als Trend, sondern als ein Thema, um das wirklich niemand herumkommt. Hier geht es um unsere Zukunft, um unser aller Überleben und das unserer Kinder. Jeder muss deshalb Ideen entwickeln, wie er nachhaltiger wirtschaftet und den CO2-Footprint seiner Prozesse sowie der Lieferkette optimiert. Und das beginnt immer mit dem Nachdenken, was Corporate Responsibility eigentlich bedeutet. Ich habe mich selbst intensiv mit Sustainability und Corporate Responsibility befasst, um den CO2-Footprint einer Belegschaft mit 70.000 Mitarbeitern aus über 180 Ländern, die alle viel herumreisen, zu verbessern. Auch der Energieverbrauch bei einem Mobile Operator ist ein Ansatzpunkt; schafft ein Solar Panel hier mehr Effizienz? Für die Beantwortung dieser Fragen fällt zunächst sehr viel Basisarbeit an, um die Zusammenhänge zu verstehen und eine Basis zu haben, auf der man optimieren oder sogar disruptive Lösungen finden kann. Als Berater, die viel unterwegs sind, müssen auch wir für uns selbst überlegen, welchen Footprint wir eigentlich hinterlassen und den Ausgleich suchen. Zudem können wir das Thema Nachhaltigkeit noch stärker über Pro-Bono-Projekte fördern.   

Gerade im Kontext von Nachhaltigkeit spielt auch Future Mobility eine wichtige Rolle. Wie schaffen wir diese Verkehrswende?

Sicherlich ist das eine der bestimmenden Themen in den nächsten Jahren. Tag für Tag spielt sich in den Metropolen dieser Welt ein Verkehrsinfarkt ab. Spätestens hier sollten wir lernen, dass wir dringend umdenken müssen. Mir ist es wichtig, dass wir Sharing-Economy-Ansätze mit Nachhaltigkeit verbinden. Wir müssen vor diesem Hintergrund sehr genau prüfen, ob Ansätze wie der Volocopter ihr Ziel wirklich erreichen, oder ob sie das Problem nur verlagern.  Hier sind wir als Beratung gefragt, voraus zu denken und Lösungen zu finden, insbesondere im Hinblick auf ein schlüssiges Smart-City-Konzept. Der Weisheit letzter Schluss kann hier aber nicht ein einzelner Player finden. Wir brauchen ein Gesamtkonzept auf der Basis von Partnering und Ökosystem-Denken, das die Städte für sich individualisieren können. Der internationale Footprint von Detecon hilft uns an dieser Stelle enorm, Thought Leadership für unsere Kunden aufzubauen und Best Practices zu gestalten.

Ein Thema, das sich zunehmend in den Vordergrund spielt ist Digital Efficiency. Sind Effizienz-Themen wieder in der Vorstandsebene angekommen?

Für mich ist das die unterschätzte Seite der Digitalisierung! Bislang haben wir uns vor allem für neue Geschäftsmodelle begeistert. Lösungen zur Effizienzsteigerung auf Basis digitaler Technologien werden uns allerdings in ihrer Hebelwirkung nicht minder überraschen. Wir erarbeiten für unsere Kunden große Mehrjahres-Programme, die mit einem Change Management begleitet werden.

Detecon-CEO Ralf Pichler
Detecon-CEO Ralf Pichler

Ein „Digital Transformation-Programm“, das global angestoßen und über alle Geschäftsbereiche und -prozesse hinweg Ende-zu-Ende digital gedacht und umgesetzt wird, geht weit über simple Kosteneinsparungen hinaus. Unser Digital Efficiency-Ansatz zeigt den Unternehmen, wie hoch ihr digitaler Reifegrad bereits ist – und wieviel Potenzial sie noch heben können. Aktuell arbeiten wir zudem an einem Digital Efficiency-Index, der eine Orientierung über Unternehmen und Branchen hinweg bietet.

Schlussfrage

Welche Zukunftstrends siehst du für die Beratungsbranche?

Die Beratungsbranche befindet sich längst im Umbruch. Wir bei Detecon haben mit dem Beyond Consulting-Ansatz bereits damit begonnen, das traditionelle Beratungsgeschäft aufzubrechen und mit einer ganz anderen Herangehensweise zu gestalten. Unser Digital Engineering Center in Berlin geht hier voran und nimmt Kunden von Beginn an in Kreativ-Workshops mit. Eine Top-Beratung deckt zunehmend das ganze Spektrum von der Innovation bis zur Implementierung ab – also über die Beratung hinaus. Interimsmanagement anzubieten und beispielsweise eine NatCo aufzubauen, die dem Kunden nach zwei bis drei Jahren Schlüsselfertig übergeben wird, hat bei uns Historie. Wo es Sinn macht, gehen wir auch über Shared-Risk-Modelle stärker in die Erfolgsabhängigkeit. So bleibt unser Geschäftsmodell immer in Bewegung! Beyond Consulting lebt aber auch vom Grundsatz Eat Your Own Dog Food. Von MS Teams über OKR bis hin zu neuen Möglichkeiten zur Office-Gestaltung und agilen Organisationskonzepten – wir experimentieren damit in unserem Haus. Nur so können wir Empfehlungen für Konzepte, Methoden und Tools glaubwürdig vor Kunden vertreten.

Ralf, vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Matus Qurbany

Diese Seite teilen